An teilweise bestbegabtem Schülermaterial…

An teilweise bestbegabtem Schülermaterial wollte die Tanzschule Herion (Stuttgart) erneut auf sich aufmerksam machen, doch begegnete sie sehr geringem Interesse. In der an mannigfaltigsten Beispielen aufgezeigten Methode von Ida Herion und Dr. Ernst Schertel steckt sicher ein guter Kern, der zunächst zwar als ein Faktor der Gesundheit und also mehr physisch als psychisch zu bewerten ist. Bewegungsspielerei ist noch vieles im weitestem Sinn, eigentliche Choreographie und Kunst nur wenig. Vor allem scheinen die Ausdrucksmittel der weiblichen Zöglinge sehr beschränkt mit Ausnahme der kleinen F. Fricke, die aber ebensogut zur Filmschauspielerin sich entwickeln kann. in ihr ist sicher eine großes Talent das weit den Nachahmungstrieb des Kindes im allgemeinen überschreitet und mit natürlich rhythmischem Bewußtsein eben auch auf Musik reagiert. Von den Darbietungen der andern Schülerinnen läßt sich ja auch behaupten, daß sie gelernt haben, die willkürlichen Bewegungen der Glieder, der Arme und Beine taktmässig zu ordnen, doch feinere seelische Abstufungen fehlen noch vollkommen. Was Hermann Groß, der einzige männliche Vertreter vortanzte, ließ der gekünstelten Grazie gegenüber reichere Gebärdensprache und schon ein Vordringen ins Plastische erkennen. Doch wurde man bei manchen Körperstellungen den Eindruck nicht los, daß es sich um eine aus dem Männlichen ins Weibliche übersetzte Angelegenheit handelt, um gesunde Gymnastik und Ballettallüren. Einige durch hübsche Kostümierung unterstützte Programmnummern fanden reichen Beifall.

H. Sch.

Karlsruher Zeitung, 167. Jahrg., 1. März 1924, Nr. 52. Beilage „Wissenschaft und Bildung“, S. 1. Online