Ein Tanz- und Konzertabend

Ein Tanz- und Konzertabend

Im Theatersaal der königlichen Hochschule für Musik war uns „Musikplastik“ nach der Methode Herion verheißen worden. Ein neues Wort – obendrein ein verunglücktes, denn es enthält einen Widerspruch in sich selbst – für eine alte Sache. Denn was da Lotte Müller sowie Maria und Marta Döll zu allerlei älteren und neueren Kompositionen an schlangenartigen Körperwindungen, an glatter Beweglichkeit der Arme und besinders der Handgelenke gaben, entschied sich in nichts von dem, was uns in gleicher Art, wenn auch unter anderem Namen, die vorige Spielzeit in reicher Fülle bot. Bei aller Würdigung einer gewissen Anmut der Bewegungen ließ sich jedoch eigentlich Charakteristisches in der plastischen Gestaltung der musikalischen Gedankenwelt eines Chopin, Schumann usw. nicht erkennen. Wohl überhaupt ein ästhetisch unmögliches Beginnen. Jedenfalls boten die sehr gewandten Hände der am Flügel begleitenden Ida Herion musikalisch illustrativ bedeutend Besseres, als es auf der Bühne der Tanzenden Fußgelenke vermochten, die überdies – doch nein: Damen gegenüber soll man höflich sein und nicht von Dingen reden, die den Geboten einer schlanken elastischen Schönheit nicht völlig entsprachen.

P.

Berliner Tageblatt, 46. Jahrg., 7. September 1917, Nr. 457, S. 3. Online