Tanzabend der Schule Herion (Badischer Beobachter)

Tanzabend der Schule Herion

Man ist allmählich mißtrauisch geworden gegenüber den modernen Tanzschulen, die meistens nur ein theoretisierend utopisches Dasein rings um eine ehrgeizig thronende Persönlichkeit führen. Trotzdem wird man diese menschlichen Schwächen in Kauf nehmen, wenn dabei das Ziel verfolgt wird, den Tanz, den Kunsttanz, aus den starren Fesseln zu erlösen, in die ihn eine sich selbst genügende Tradition jahrzehntelang gefesselt hielt. Ganz natürlich, daß der mir Krieg und seinen Folgen parallel laufende Expressionismus auch den Tanz auf seine revolutionäre aufflatternden Fittiche nahm und ihm eine gleichgeartete, seelische Ausdruckskraft verlieh. Man gab gleichsam der eingeborenen Musik des Körpers ihre im Schrecken des Balletts verloren gegangene Sprache zurück und ging freilich manchmal über dieses künstlerische Ziel hinaus, indem man bloße Gymnastik schon für den neuen Tanz nahm.

Von diesem sportlichen Extrem hält sich nun die Schule Herion erfreulich fern, sie gibt dem Tanze, was des Tanzes ist, und gibt ihm doch den seelisch-musikalischen Schwung, den der Körper aus augenblicklichen Gefühlen und Stimmungen heraus zufällig und von selbst aus sich heraus dichtet. Die einführenden Worte Dr. Ernst Schertels sowie die begleitenden körpergymnastischen Uebungen versprachen auch nicht mehr, als was die nachfolgenden Tänze boten. Die jungen Damen und Herren der Schule verrieten in allem sowohl den geistigen Willen ihres Lehrers und ihrer Lehrerin (Ida Herion) wie auch eine überraschende Selbständigkeit der plastisch-tänzerischen Auffassung. Es ist hier, möchte man sagen, ein gesunder Kompromiß geschlossen zwischen dem guten Alten und dem bewährten Neuen, ohne indessen die eigene Note vermissen zu lassen. Z. T. gab es ganz entzückende, von einer feinen poetischen Diktion geführte Tanzbilder (auch der kleinsten Damen), die in ihrer grazilen Unbewußtheit vielleicht das Vollendeste des Abends waren. Reicher Beifall des leider nur ganz spärlich vertretenen Konzerthaus-Publikums belohnte die Mitwirkenden und das verdienstvolle Streben der Schulleiter.

Dr. A. H. B.

Badischer Beobachter (Karlsruhe), 62. Jahrg., 2. März 1924, Nr. 57, 2. Blatt, S. 2. Online