Tanzabend der Schule Herion (Karlsruher Tagblatt)

Tanzabend der Schule Herion

Einen erlesenen Genuß bot am Freitag abend im Konzerthaus der Tanzabend Herion unter Leitung von Ida Herion und Dr. Ernst Schertel. Den eigentlichen Tanzdarbietungen der Schüler gingen einige erklärende Worte von Dr. Schertel voran, in denen er an der Hand von Uebungen Sinn, Zweck und Ziel seiner Schule aufzeigte. Der Unterricht will eine vollständige Durchbildung des Körpers in all seinen Linien und Bewegungen erstreben, die zu maßvoll schöner und sinngemäßer Beherrschung führt. Also nicht einfache Gymnastik, wenn auch mit dieser durchaus verwandt, auch nicht übliche moderne Tanzkunst mit ihren mancherlei Maniriertheiten [sic!], rhythmische Tanzkunst edelster Art bildet das Programm dieser Stuttgarter Schule. In welch‘ hohem Masse das gesteckte Ziel von den Schülern in der Tat erreicht war, bewiesen schon die erläuternden Uebungen vom einfachen Sprung bis zum Purzelbaum. Die nachfolgenden Tanzdarbietungen der sechs Schüler, deren Begleitung am Flügel Ida Herion sehr fein durchführte, zeigten mit seltener Uebereinstimmung bei allen Nummern dieselbe maßvolle und absolute Beherrschung des Körpers und ein feines Eingehen auf jede Nuance der Musik. Als Meisterschülerin darf unseres Erachtens Friedl Rupp bezeichnet werden, deren „Schmetterling“ und „Humoreske“ Proben vollendeter Schönheit vorführten. Ausgezeichnet in Bewegung, Stil und Beleuchtung war Gertrud Ellwangers „Arabisches Märchen“, während Else Sauer, besonders im „Polnischen Tanz“, verdientesten Beifall errang. Hermann Groß, dem ernste, getragene Tänze besonders zu liegen scheinen, erzielte mit „Toltekenkönig“, der in Linie und Farbe hervorragend gelungen und reizvoll beleuchtet war, einen besonderen Erfolg. „Im murmelnden Lüftchen“ boten alle vier jungen Künstler in einem zuchtvoll durchgearbeiteten Reigen ein prächtiges Bild. Ganz reizend waren die zwei etwa Acht- und Zehnjährigen in ihren schelmisch anmutigen Tänzchen. Iris Herrmann als „Grasmücke“ und später im „Masurischen Tänzchen“ war von gewinnender Lieblichkeit. Die allerkleinste Felizitas Fricke endlich, in der ein köstlicher Schalk steckt, erregte stürmisches Entzücken mit ihren kindlichen und doch so künstlerisch durchgebildeten Tanzbildchen. Nicht endenwollenden Beifall errangen die zwei Kleinen mit „Max und Moritz“, bei dessen Wiederholung sie bewiesen, dass sie nicht leere eingelernte Formeln gaben, sondern ihr Thema mit einer seltenen Virtuosität beherrschten. Als Ergebnis des Abends ist also ein wirklicher Erfolg zu berichten, in den sich sämtliche Veranstalter mii vollem Recht teilen dürfen, wie der trotz des schwachen Besuches große und lebhafte Beifall am Schluß bewies, der auch immer wieder Ida Herion hervorrief.

ef.

Karlsruher Tagblatt, 121. Jahrg, 1. März 1924, Nr. 61, S. 2. Online