Die Zeitschrift „Polis“

Im Herbst 1906 wurde in Zürich die Zeitschrift Polis gegründet. Herausgegeben wurde sie vom Arzt und Autor Fritz Brupbacher und seinem Freund, dem Arzt und Journalisten Max Tobler, sowie dem Philosophen Rudolf Willy, dem Maler und Schriftsteller Ulrich Wilhelm Züricher und dem Arzt und Pädagogen Jean Wintsch. Die erste Ausgabe erschien im Dezember 1906.

Als Anekdote für seine Wertschätzung durch Rudolf Willy, erzählt Fidus in den Kleinen Lebenserinnerungen von der Gründungsversammlung der Zeitschrift:

Der alte Filosof Rudolf Willy in Mels hinterm Walensee war ein Verehrer Finalis und ledig. Er schloβ auch mich in sein Herz und verstand mich allein, als ich an einem Literatentreffen zur Gründung einer Zeitschrift „Polis“ mit Humor teilnahm, weil ich zur schmückenden Mitarbeit eingeladen war. Die Andern, gerade jüngeren, also heiβspornigeren verstanden meine Launigkeit so wenig daβ einer fragte „Wollen Sie uns verhöhnen?“

Fritz Brupbacher schreibt zur Entstehung der Zeitschrift in seiner Autobiographie 60 Jahre Ketzer:

Wir waren fünf Schweizer Junggesellen, die die „Polis“ herausgaben, und das einzige, was uns allen gemeinsam war, war die Sehnsucht nach einer richtigen geistigen Gemeinschaft oder Heimat. Und diese Sehnsucht wurde die Grundnote unserer Zeitschrift.

Weiter führt er mit Blick auf die Mitherausgeber neben ihm und Max Tobler aus:

„Polis“ bedeutete für uns Sehnsucht nach Kultur auf Basis des Sozialismus. Unsere drei Genossen waren eher Auchsozialisten; viel näher lag ihnen das Suchen nach Kultur im allgemeinen, die freilich gewisse sozialistische Einschläge haben durfte. Auf alle Fälle waren sie dem Sozialismus nicht feindlich. Alle wollten wir sozialistische Arbeiter und Intellektuelle einander nähern. Die sollten die neue Gemeinschaft, die neue Polis bilden.

Bemerkenswert ist die Finzierung der Polis, die gemäss Brupbacher nicht mehr als 500 Abonnnenten und Abonenntinnen hatte:

Unsere „Polis“ sollte eine ganz freiheitliche Polis sein, und das drückte sich schon darin aus, dass von uns fünfen jeder alles schreiben konnte, was ihm lag, ohne dass ein Redakteur das Recht besass, irgend etwas zu zensurieren. Jeder sollte einfach jeden Monat einen Artikel von ein paar Druckseiten einsenden. Wir wollten auch gar keine Rücksicht nehmen auf irgendein Publikum, und um das nicht nehmen zu müssen, bezahlte ein jeder die Kosten seines Artikels.

„Ave Maria“

Fidus selbst trug ein Blatt zur Veröffentlichung bei. Diese lösste beim Bund wenig Begeisterung aus:

Die Monatsschrift „Polis“ hat ihrem Märzheft eine Zeichnung von Fidus: „Ave Maria“ beigelegt, die unsere längst feststehende Ansicht bestätigt, daß dieser Zeichner, sobald er statt der kleinen nackten Kinderfigürchen, die ihm so wohl gelingen, sich aufs allegorische Pathos einläßt, aus bedauerliche Abwege gerät. Das Bild mag in der Erfindung stilisierter Linien gewisse rein künstlerische Vorzüge haben, die von den Zunftgenossen des Zeichners technisch gewürdigt werden; aber der Gesamtkindruck, den dieses nackte ekstatische Weib und der hinter ihr stehende, sie unterm Kinn fassende Gottvater machen, ist ein abstoßender, widerwärtiger.1

  1. Der Bund, 58. Jahrg., 7. März 1907, Nr. 2, S. 2. Online []