„Morgenwunder“

Von Gott.
Von Gott.
Morgenwunder.
Morgenwunder.

1907 erhielt Fidus in Zürich vom Philosophen Rudolf Willy, den Auftrag zum Gemälde Morgenwunder. Mit ihm nimmt Fidus ein Motiv auf, mit dem er sich unter dem Titel Von Gott als Gegenstück zu seinem Lichtgebet beschäftigt hatte.

Fidus erklärt zur Entwicklung von Zu Gott, das er im Laufer der Zeit zum Lichtgebet entwickelte, und *Von Gott* und der beabsichtigten Wirkung:

Während „Zu Gott“, anfangs in kindlicher, dann jünglingshafter Männlichkeit sich zum Allgefühl emporreckt – in der Bildlichen Anschaung zur Sonne – kommt „Von Gott“ – anfangs in kindlicher, dann in jungfräulicher Art – wie Himmelstau aus rosigem Morgengewölk von Bergeshöhe herab, die Arme dem „Leben“ entgegenbreitend – in der Bildanschauung dem Menschen, dem „Leben“ entgegen.

Dabei legt er besonderen Wert auf die traditionellerweise fast ausschlliesslich auf Selbstbildnisse beschränkte Blick aus dem Bilde:

Wer die spärlichere Gelegenheit hatte, eins der „Von Gott“-Entwicklungen zu sehen, wird nicht dogamtisch sagen, „es ist unkünstlerisch, daβ sich im Bilde etwas zum Beschauer wendet“. Das kommt ganz auf das Bild an, also im Grunde auf die Stilsicherheit des Gestalters. Jedes „Bild“, d. h. wahrhafte Bilddichtung ist eine „Vision“, eine Schauung; und man kann doch ganz gut die „Vision“ haben, als komme etwas auf einen zu. Solches ist doch gerade der besondere religiöse Nebensinn des Begriffes „Vision“.

„Das ist ja Frau Fina!“

Fina Zacharias erzählt in ihren Lebenserinnerungen folgende Anektdote zum Morgenwunder:

Unter den Aufträgen, die Fidus in Zürich mittlerweile erhielt, war auch einer von Rudolf Willy, welcher den Künstler Fidus liebgewonnen hatte und auch dessen Schrift als Kunstwerk bewunderte. Hellsichtiger als ich, malte Fidus für ihn das ‚Morgenwunder‘. Der Auftrag lautete, das zu malen, was ihm „gerade einfallen würde“. Fidus fiel die Auferstehung einer Frau ein, die, vom Irdischen losgelöst, in einer durchleuchteten Lotosblüte stehend, den roten Mantel ihrer Liebe nun ungehemmt und weit auszubreiten vermag. In dem offenen Haar ein Kranz von roten Rosen und darüber schwebend ein Sternenkreis…

Weder ich, noch irgendeiner unserer zahlreichen Bekannten fand eine Ähnlichkeit. Für uns alle war es Fidusische Seelenmalerei. Als Rudolf Willy es in seinem schön getäfelten Zimmer aufhing, kam sein Schwager hinzu, der in Gegenwart der Dienerin ausrief: „Das ist ja Frau Fina!“ Philomena erblaßte und zog sich zurück. Als der einsame Mann aber täglich nach Tische für zwei Ruhestunden vor dem Bilde saß, begann sich allmälich eine Eifersucht zu bekunden, die ihn die nie geahnte Liebe des herben alten Geschöpfes unangenehm sehen ließ. Es war wohl eine Erlösung für ihn, daß sich Fidus später das Bild zu Ausstellungzwecken erbat. Er gab Auftrag, dann als Geschenk an mich zu senden, wodurch die schwer gestörte Ruhe seines einsamen Hauses wieder hergestellt wurde.

  1. Fidus, Mein Lichtgebet und seine Geschichte. Ebenso die folgenden Zitate. Die Ansichtskarte Von Gott ist als Nummer 117 erschienen, Morgenwunder als Nummer 118.
  2. Lebenserinnerungen einer alten Frau. Band 2, Kreuzwege des Lebens, Leipzig, Zürich 1927, S. 310 f.
  3. 60 Jahre Ketzer. Selbstbiographie von Fritz Brupbacher, Zürich 1935, S. 45.
  4. Ebda., S. 46.
  5. Ebda.

Letzte Änderung: 15. Dezember 2020.