Tempel in Amden


Der Tempel der Erde, einer der Tempel, die
in Amden hätten errichtet werden sollen.

Fidus Tempelbauten könnten heute für das Dorf Amden am Walensee eine einzigartige touristische Attraktion und damit Einahmequelle darstellen. Doch vielleicht ist es kein Unglück oder sogar ein Glücksfall, dass sie nicht errichtet wurden. Ganz abgesehen davon, dass sich verschiedene Fragen stellen, wenn sie erstellt worden wären. Hätten sie die Zeit übderdauert? Würden sie heute als Kunstdenkmäler gepflegt? Welchem Zweck würden sie dienen? Wer käme für ihren Unterhalt auf? Oder wären sie längst zu Ruinen verfallen?

Was als Anekdote der Dorfgeschichte und dem Leben von Fidus erzählt wird, könnte eine Peinlichkeit, wenn nicht einen politischen Skandal darstellen. Einen Skandal, der vielleicht umso grösser wäre allein der Tatsache wegen, dass die Bauten erstellt wurden und Fidus beziehungsweise seiner politischen Propaganda eine Bedeutung hätten, die sie jetzt nicht haben und nie hatten. Denn keiner der vielen Tempel, die er entworfen hat, wurde gebaut. Und sein zeichnerisches und malerisches Werk ist weitgehend in Vergessenheit geraten und wird kaum in einer Museumssammlung oder in einer Ausstellung gezeigt, auch wenn Fidus nach wie vor eine kleine, aber treue Anhängerschaft hat.

Vielleicht auch wäre Fidus nicht nur der verbohrte völkische Träumer, der er unzweifelhaft war, sondern seinem völkischen „Gedankengut“, das von den Nationalsozialisten als unzeitgemäss abgetan wurde, könnte damals von offizieller Stelle dank seiner monumentalen Tempel als Vorläufer der Bauten für die Inszenierung von Massen ein gewisses Wohlwollen oder gar Wertschätzung entgegengebracht worden sein.

Dass keine Denkmäler eines völkisch verblendeten Künstlers heute am Walensee stehen, ist allerdings nicht politischer Umsicht als vielmehr den wirren Umständen damals zu verdanken.

Drei Tempel und eine Kapelle


Panorama-Karte vom Walensee: 1. Weesen, 2. Amden, 3. Betlis.

Fidus war überzeugt, obwohl noch kein einziger Bau nach seinen Entwürfen erstellt worden war, dass gleich drei seiner Tempel und dazu eine Kapelle, ein Bautypus, mit dem er sich nie beschäftigt hatte, erichtet würden. An Selbstbewusstsein mangelte es ihm jedenfalls nicht. Allerdings auch an Blauäugigkeit.

Im Sommer 1903 reiste Fidus in die Schweiz, um sich vor Ort ein Bild seiner zukünftigen Wirkungsstätte zu machen. Bei dieser Gelegenheit zeigte ihm Josua Klein, der für die Kosten der Bauten aufkommen wollte, die Standorte, die er für sie vorgesehen hatte. In seinen *Kleinen Lebenserinnerungen* hält Fidus fest:

Z. B. sollte der würfelförmig aus dem heiligen Wasser steigende Tempel der Erde unten am See vor einer kleinen Strandspitze „Bätlis“ des sonst steil abfallenden Ufers aufragen. Der „Tempel der eisernen Krone“ sollte, meinem Entwurfe gemäß an einer Berglehne unter Amden liegen, der Tempel der Tat, ähnlich entsprechend, an einer hohen, steilen Bergkanzel, die nach Weesen hinunter „drohte“. Auf der sanft ansteigenden aber Abhang umdröhten Bergstraße von Weesen herauf sollte ich auf halber Höhe auf dem Felsvorsprunge eine Ausruh- und Andachtskapelle bauen!

Offenbar hatte Fidus nichts gegen die von Klein gewählten Standorte einzuwenden. Obwohl wahrscheinlich auch ihm damals nicht klar war, ob sie Teil der Kolonie sein sollten, die Josua Klein in Amden aufzubauen versprach, zukünftige Wallfahrsorte oder touristische Attraktionen.

Unklar ist auch, wenn auch kaum anzunehmen, ob der Auswahl der Bauten und ihrem Bezug untereinander ein Programm zugrunde lag.

Insgesamt liest sich der Plan des Vorhabens eigenartig: Fidus soll in Amden die Möglichkeit geboten werden, seinen persönlichen Traum monumentaler Tempelkunst zu verwirklichen. Ohne jede Verpflichtung oder Gegenleistung.

„Steine liessen wir brechen“

Der Schriftsteller Wilhelm Spohr, der mit Frau und Kind im Herbst 1903 zusammen mit Fidus und dessen Frau sowie den beiden Kindern in die Schweiz reiste, versuchte nachträglich, die Geschichte des unglaublichen Unternehmens ins Lot zu rücken. Sein Fassung:

Der Prophet Josua, bürgerlich Klein geheißen, wollte nördlich am Walensee in der Schweiz, oberhalb Weesen, in 1000 Meter Höhe Tempel für seinen Glauben errichten. Fidus wurde als Baumeister berufen, ich mit ihm als vermeintlich praktischer veranlagt, um zunächst Fidus‘ kolossalen ‚Tempel der Erde‘ zu errichten. Steine ließen wir brechen, Bäume fällen, auf vorspringendem Felsen über dem See wurde ein Plateau geebnet. Alles sehr gut, aber es kam zu nichts, weil der Prophet täglich reden mußte, von morgens früh bis nachmittags zwei Uhr, mit Augen-, Arm- und Beinverrenkungen, prophetischen Verfluchungen der ganzen Welt und Mahnungen an den lieben Gott, der nicht alles richtig machte.1

Ob noch Spuren der Arbeiten zu finden sind?

Tempel für Kleins Glauben? Genauer: Die eigenwilligen Tempel von Fidus für Kleins Glauben?

Fidus, der bisher mit Illustrationen für Bücher und Zeitschriften hervorgetreten ist, als Baumeister? Spohr selbst, um die Absurdität des Unterfangens noch zu steigern und gleichzeitig in Frage zu stellen, „vermeintlich praktischer veranlagt“? Entsprechend dem unglaubwürdigen Projekt scheint Spohr in seiner Beschreibung der Vorarbeiten für die Bauten in Amden mehr als nur zu flunkern.

Gerade die Beteiligung Spohrs sorgte damals aber für die Seriosität des Unternehmens. So bemerkten Zeitungen in den Niederlanden:

Was jedoch am meisten überrascht: Der bekannte Multatuli-Übersetzer Wilhelm Spohr ist ebenfalls Mitglied der Kolonie. Die Tatsache, dass ein, auch in Holland für so einen klaren Kopf bekannter, Publizist Mitglied der Kolonie ist, macht es unwahrscheinlich,, dass sie tatsächlich so ist, wie über sie berichtet wird.2

  1. Wilhelm Spohr, O ihr Tage von Friedrichshagen! Erinnerungen aus der Werdezeit des deutschen literarischen Realismus, Berlin 1949, S. 83. []
  2. Een rare kolonie, De Telegraaf (Amsterdam), 14. November 1903; Een rare kolonie, Bataviaasch nieuwsblad, 19. Dezember 1903. []